Wiederaufnahme in Planung

Bildschirmfoto 2018-12-16 um 19.11.51Die Inszenierung „Die Hundegrenze“ als Kooperation von studio 44 e.V.  und dem Theater Nordhausen wurde im Oktober 2018 abgespielt.

Ronald Mernitz und Martin Vogel planen eine Wiederaufnahme. Dann als Produktion des Erfreulichen Theaters Erfurt. Für alle Gastspiel-Anfragen darf ich verweisen an:

erfreuliches theater erfurt
Peterberg 4c; 99084 Erfurt
Festnetz 0361- 64 22 498
Mobil 0179 115 39 32
Mail erfreulichestheater@gmx.de

 

Gotha. Nachwirkungen.

43231339_1517610885007465_8619496113163993088_nAuf seiner Facebook-Seite hat der Thüringer Theaterverband die sehr gelungene Fotos der Aufführung zum Festival in Gotha am 5. Oktober 2018 veröffentlicht. Die Bilder stammen von Dr. Bernd Seydel. Hier finden sich mehr:

https://www.facebook.com/pg/thueringertheaterverband/photos/?tab=album&album_id=1517610365007517

Im Web-Tagebuch des Festivals findet sich noch die großartige Besprechung der/des Autorin/Autors sy.  Vielen Dank für die tollen Beobachtungen und Bekenntnisse:

Der lebendige Hundeblick

(sy) Das Bellen der Hunde wird mir noch lange im Ohr klingen. „Die Hundegrenze“ ist ein politisches Puppenstück – oder einfach nur spannendes, lebendiges Theater mit einer großen Portion Erkenntnisgewinn.
Wer agiert auf der Bühne? Die beiden Schauspieler Christian Georg Fuchs, der auch für die Inszenierung verantwortlich ist, und Ronald Mernitz, beide auch als Hundeführer. Die Hunde sind Puppen: geschnitzte Köpfe aus Holz und ein „ganzer“ Hund, der auf raffinierte Weise sehr differenziert geführt werden kann.
Doch weshalb rückt der Inhalt plötzlich zurück, warum erzähle ich von den Hunden? Vielleicht ist das der inszenatorische Trick, mit dem der Zuschauer in den Bann gezogen wird.
Wir hören die tragische Geschichte von Hunden, die an der innerdeutschen Grenze ihren würdelosen Dienst verrichten müssen. Sie sollen bewachen, den Grenzübertritt verhindern, abschrecken. Aber in Wahrheit sind es geschundene, ausgebeutete Kreaturen. Das Futter wird ihnen grob vorgeworfen, der Durst ist im Sommer Dauerzustand. Wer nicht funktioniert, wird vom Tierarzt eingeschläfert. Wer freundlich ist, wer verspielt auf die Welt reagiert, wird aussortiert. Das ängstliche, bissige Tier ist am geeignetsten.
Ist das eine schlimme Parallele zur Menschenwelt? Vielleicht. Die Inszenierung vermeidet jede symbolische Aufladung. Sie tritt nüchtern auf, will nicht missionieren – und ist dadurch noch intensiver.

Nachbemerkung: Mögen Sie Hunde? Wissen Sie, wie sich Hunde bewegen? Selbst für den geschulten Hundekennerblick gelang die Illusion durch die beiden Schauspieler. Auf der Tischbühne stand kein gebautes Hundemodell, keine ausgeklügelte Mechanik, sondern ein Lebewesen: Wenn diese Hunde den Kopf schräg legten, ihrem Herrn zuhörten, sich die Leine anlegen ließen, dann hätte ich schwören mögen, dass sie keine Puppen sind. Dieses Doppelgefühl war der Eingang zu meinem Zuschauerinnenleben.

Die Laudatio

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Die Jury bei der Preisverleihung in Gotha

Im April 2018 nominierte der Thüringer Theaterverband folgende Inszenierungen für den Thüringer Theaterpreis:

Tanztheater Erfurt
mit der Inszenierung „Konsequenzen“

Theater der Stadt, Gotha
mit der Inszenierung „Antrag abgelehnt“

Greizer Theaterherbst
mit der Inszenierung „Verwandlung“

Stellwerk Weimar
mit der Inszenierung „Alice in Runwayland“

studio 44, Nordhausen
mit der Inszenierung „Die Hundegrenze“

Publikums- und Jurypreis gingen im Oktober 2018 an das „Theater der Stadt“ aus Gotha.

Für das Inszenierungsteam von „Die Hundegrenze“ war es trotzdem ein toller Erfolg.
Die Laudatio der Jury möchten wir hier mit einigem Stolz veröffentlichen,
sie wurde formuliert vom Jurymitglied Christin Bahnert

Die Hundegrenze

Studio 44 Nordhausen

Die Inszenierung „Hundegrenze“ arbeitet mit der sehr interessanten Grundidee, eine literarische Reportage mit Mitteln des Figurentheaters umzusetzen. Dabei vertraut die Inszenierung:

  1. auf den Text der gleichnamigen Reportage von Marie-Luise Scherer aus dem SPIEGEL vom Juni 1994
  2. auf die überraschenden naturalistischen Bewegungsmöglichkeiten der Puppe und
  3. auf die beiden Darsteller.

Durch den präzisen, fokussierten Einsatz dieser Mittel und ohne in weitere Elemente wie Lichtwechsel, Musik, Video o.ä. auszuweichen, gelingt es der Inszenierung, über weite Strecken eine enorm dichte, berührende Atmosphäre herzustellen.

Das inhaltlich und künstlerisch Überraschende und Beeindruckende der Inszenierung liegt darin, dass über den virtuosen Umgang der Spieler mit dem Objekt, die Puppe oft lebendiger wirkt als die Menschen, die ihr begegnen. Demgegenüber sprechen die von den beiden Darstellern gespielten Figuren in einem kalten, funktionalen Tonfall. Sie versuchen, den Hund, das Lebewesen über das Was und Wie des Sprechens zum Material zu degradieren. Der verblüffende Effekt ist, dass genau das Gegenteil geschieht:

Mit dieser Spielweise wird einerseits die Puppe zum handelnden, fühlenden Subjekt. Andererseits wird auf sehr beklemmende Art und Weise aufgezeigt, wie seelenlose Funktionäre frei von Empathie vom Schreibtisch aus über Leben und Tod entscheiden.

Die Inszenierung schafft es, sehr eindrücklich den stark symbolisch aufgeladenen, hochpolitischen Stoff, auf die Bühne zu bringen und – ausgehend von der innerdeutschen Grenze – die tödliche und menschenverachtende Dramatik an Grenzen im Allgemeinen zu thematisieren. Unwillkürlich hat der Zuschauer die Bilder der Flüchtlinge vor Augen, die an den europäischen Außengrenzen in Camps festgehalten werden und dort hoffnungslos Gewalt und schrecklichen Zuständen ausgesetzt sind.

Dadurch ist die Inszenierung nicht nur ein wichtiger Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, sondern ebenso eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit einer der brennendsten politischen Fragestellungen unserer Zeit.

Starke Besprechung von Thomas Kügler (Harzer Kritiker)

Zum Originalbeitrag

Von Menschenfeinden und Hundehassern

„Die Hundegrenze“ ist eine Dokumentation mit Theatermitteln

Ein Menschenleben zählte an der innerdeutschen Grenze nicht viel und ein Hundeleben schon gar nicht. Dies zu zeigen gelingt Christian Georg Fuchs in seiner Inszenierung von „Die Hundegrenze“ auf beklemmende Weise.
Ausgangspunkt der Aufführung ist die gleichnamige Reportage von Marie-Luise Scherer. 1994 widmete sie sich im Spiegel auf beeindruckende Weise einem Kapitel der deutschen Trennung, das bis dahin weitestgehend vergessen war. Es ging um die sogenannten Trassenhunde, um jene Vierbeiner, die einst die Grenze bewachten. Angekettet und isoliert waren sie dem Wetter ausgeliefert. In einem unmenschlichen System standen die Tiere auf der untersten Stufe.Die emotionslose und klare Sprache, die die Reportage prägt, verdeutlicht die Unmenschlichkeit, das Fehlen jeglicher Empathie. Fuchs orientiert sich an eben diesem Stil. Er über nimmt ganze Passagen aus der Reportage. Sein Vortrag und der Vortrag von Ronald Mernitz ist ebenso emotionslos und vor allem bürokratisch kühl. Nur selten heben sie ihre Stimmen im Stakkato, um ein Detail zu betonen.

Gerade dieser Bürokraten-Sprech und Kasernenhofton sind es, die einem die Kehle zuschnüren. Sie machen dieses Stück so bedrückend. Fuchs gelingt es, die Perfektion, mit der die Westgrenze der DDR gesichert war, in all ihrer Perversität darzustellen.  Dagegen ist das Bellen der Schauspieler, wenn sie in die Rolle der Hunde verfallen, nervenzertrümmernd. Eine eindringliche Darstellung der tierischen Not.

Die Inszenierung ist einer der seltenen Glücksfälle in denen ein Thema ohne Verlust oder Verzerrung  das Genre und die Darstellungsform wechselt. Der Sprechtext stammt durchweg von Marie-Luise Scherer. Christian Georg Fuchs ist es gelungen, die kalte Atmosphäre der Reportage adäquat einzufangen und umzusetzen. Kaltschnäuzigkeit sozusagen.

Schon das Bühnenbild spricht eine eindeutige Sprache und die Sache ist klar, noch bevor die beiden Darsteller die Studiobühne betreten. Ein langer Tresen trennt Zuschauerraum von der Spielfläche. Oben auf dem Tresen werden mit den Mitteln des Modellbaus die Grenzanlagen simuliert. Selbst der härteste aller Kritiker versteht den Bau sofort, obwohl er lange nach dem Fall der Mauer geboren wurde.

Das optische Gruseln kann man noch steigern. Christian Fuchs und Ronald Mernitz werden hier ein Modell jener Trassen installieren, an denen Tausende von Hunden im Dienste der Grenzsicherung verkümmerten. Sie ersparen dem Publikum nichts. Manche Dinge sind so abstrus, dass sie gezeigt werden müssen weil die Vorstellungskraft allein nicht ausreicht. In diesem Detail kristallisiert sich die ganze Monstrosität der Grenze.

Fuchs und Mernitz konzentrieren sich auf die wenigen Personen. Damit gelingt es ihnen, das System von der Entstehung bis zum Ende darzustellen und zugleich verschärfen sie damit die Aussagen über die Perfektionierung. Wo es keine Menschlichkeit gibt, ist erst recht kein Platz für Tierliebe. Sie zeigen die Pole, die sich diametral gegenüber stehen.
Da ist der Veterinäringenieur Schween, dessen Aufgabe es ist, für den Nachschub an Hunden zu sorgen und sein Bedarf ist groß. Aber sein Netzwerk funktioniert.
Da ist der Züchter Pandosch, der mit Schween auch ein System an Gefälligkeiten unterhält.

Da ist der Grenzaufklärer und Berufssoldat Moldt, der ab 1966 das System der Trassenhunde entwarf und die Bestückung mit unterschiedlichen Hundetypen als Form der Komposition sah. Dazu gesellt sich ein Formular, dass alle Eigenschaften der Hunde normiert. Selbst das Grauen folgt eine gewissen Ästhetik.
Dann gibt es noch den Grenzaufklärer Schoschies und Wilhelm Tews. Zwischen dem Berufssoldaten und dem Grenzbewohner entwickelt sich ein inniges Verhältnis und auch gegenseitige Abhängigkeiten. Für Tews kann Schoschies mal fünfe gerade sein lassen. Es menschelt.
Mit einfachen Mittel schaffen Fuchs und Mernitz es, ein komplexes Gefüge darzustellen. So dienen  zwei Schnapsgläser als Symbole der Verbrüderung und Pilze stehen für die gemeinsamen Schummeleien. Diese Momente der Humanität sind die literarischen Augenblicke der Inszenierung und kontrastieren gekonnt die Strenge des Apparates. Ausführlich stellen Fuchs und Mernitz das Elend der Hunde dar, die den Unbillen des Wetters, der winterlichen Kälte und der sommerlichen Hitze schuldlos ausgesetzt sind.
Emotionaler Gipfel ist die Katastrophe vom Lankower See. Linientreue verurteilt hier sieben Hunde zum Tod durch Ertrinken. Doch Schoschies setzt sein Leben aufs Spiel, um wenigstens einen von ihnen zu retten. Mit der Aussage „Menschlichkeit ist doch möglich gewesen.“ endet das Stück folgerichtig hier.

Der Anteil  des Figurentheaters ist geringer als angekündigt. Lediglich wenn die Hunde in den Fokus treten, bedienen sich Fuchs und Mernitz der Puppen und Masken. Das überrascht auf den ersten Blick, macht aber deutlich, dass Deutschland nicht durch eine Hundegrenze getrennt wurde. Menschen haben das Ding gebaut.

Einzig mit der Altersempfehlung kann man hadern. Freigeben ist das Stück ab 14 Jahre, aber nicht jeder Teenager ist wohl in der Lage, das Gezeigte richtig einzuordnen. Aber Gekicher ist ein Indikator dafür, dass auch manch Erwachsene überfordert sind mit der Monstrosität des Gezeigten.

Fotogalerie

Fotos von András Dobi für das Theater Nordhausen.
-> Für größerer Auflösung bitte auf die Bilder klicken.

 

Premiere

Hoher Besuch zur Premiere am 22. Oktober 2018 in Nordhausen: Autorin Marie-Luise Scherer war gekommen und äußerte sich begeistert über die Inszenierung.
Hier ist Sie im Gespräch mit Regisseur und Darsteller Christian Georg Fuchs zu sehen.

Zufrieden nach dem schönen Erfolg der ersten Aufführung( v.l.n.r.):
Spieler Ronald Mernitz und Christian Georg Fuchs, Puppenbauer Peter Lutz und Autorin Marie-Luise Scherer

Die vier Tempramente

In der Reportage von Marie-Luise Scherer berichtet sie von einem Stabsfähnrich der Grenztruppen Moldt, der die Hunde in die vier Tempramente nach dem antiken Arzt Galen einteilt. Entsprechend diesen Zuschreibungen fertigte Puppenbauer Peter Lutz für die Inszenierung vier Hundeköpfe an. Die Begleittexte sind der Reportage entnommen.

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„Den Sanguiniker als den lebensvollen, in seinen Eigenschaften gut dosierten Typus führte Moldt nur der Vollständigkeit halber an. Dieser begreife schneller als ein Professor und gehöre, da er den wünschenswerten Hund verkörpere, nicht an die Trasse.“

 

 

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„Ans untere Ende seiner Eignungsskala plazierte Moldt den Phlegmatiker. Ihn störe gar nichts. Bei allergrößter Hundeknappheit gebe er jedoch die Attrappe eines Wächters ab.“

 

 

 

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„Brauchbarer verhalte sich der Melancholiker, ein Genosse der Angst. So wie ein hartes Wort ihn schon untröstlich stimme, er schon aufjaule, bevor der Schmerz ihn überhaupt treffe, so melde er eine herabfallende Eichel schon als Gefahr.“

 

 

 

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„Erst wenn sich ihm das Toben des Cholerikers beimische, verdiene es Beachtung. Im günstigsten Fall sei der Melancholiker der Zuarbeiter des Cholerikers, der aus dem Schlaf in Attacke übergehe.“

 

 

Und so soll’s werden.

Auf diesem Bild sieht man den (Probe-)Aufbau der Bühne, die im wesentlichen aus vier Tischen besteht. FSJler Lennart Hattenhauer richtet links das vorläufige Stativ ein, an dem hier eine Gummilitze, später ein Stahlseil befestigt werden wird: das Laufseil für den Hund. Der steht rechts – geführt von Lutz Patz und (verdeckt) Ronald Mernitz – auf der Pappkiste, die hier Platzhalter für die Hundehütte ist.IMG_5680.jpg