Die Laudatio

IMG_6828
Die Jury bei der Preisverleihung in Gotha

Im April 2018 nominierte der Thüringer Theaterverband folgende Inszenierungen für den Thüringer Theaterpreis:

Tanztheater Erfurt
mit der Inszenierung „Konsequenzen“

Theater der Stadt, Gotha
mit der Inszenierung „Antrag abgelehnt“

Greizer Theaterherbst
mit der Inszenierung „Verwandlung“

Stellwerk Weimar
mit der Inszenierung „Alice in Runwayland“

studio 44, Nordhausen
mit der Inszenierung „Die Hundegrenze“

Publikums- und Jurypreis gingen im Oktober 2018 an das „Theater der Stadt“ aus Gotha.

Für das Inszenierungsteam von „Die Hundegrenze“ war es trotzdem ein toller Erfolg.
Die Laudatio der Jury möchten wir hier mit einigem Stolz veröffentlichen,
sie wurde formuliert vom Jurymitglied Christin Bahnert

Die Hundegrenze

Studio 44 Nordhausen

Die Inszenierung „Hundegrenze“ arbeitet mit der sehr interessanten Grundidee, eine literarische Reportage mit Mitteln des Figurentheaters umzusetzen. Dabei vertraut die Inszenierung:

  1. auf den Text der gleichnamigen Reportage von Marie-Luise Scherer aus dem SPIEGEL vom Juni 1994
  2. auf die überraschenden naturalistischen Bewegungsmöglichkeiten der Puppe und
  3. auf die beiden Darsteller.

Durch den präzisen, fokussierten Einsatz dieser Mittel und ohne in weitere Elemente wie Lichtwechsel, Musik, Video o.ä. auszuweichen, gelingt es der Inszenierung, über weite Strecken eine enorm dichte, berührende Atmosphäre herzustellen.

Das inhaltlich und künstlerisch Überraschende und Beeindruckende der Inszenierung liegt darin, dass über den virtuosen Umgang der Spieler mit dem Objekt, die Puppe oft lebendiger wirkt als die Menschen, die ihr begegnen. Demgegenüber sprechen die von den beiden Darstellern gespielten Figuren in einem kalten, funktionalen Tonfall. Sie versuchen, den Hund, das Lebewesen über das Was und Wie des Sprechens zum Material zu degradieren. Der verblüffende Effekt ist, dass genau das Gegenteil geschieht:

Mit dieser Spielweise wird einerseits die Puppe zum handelnden, fühlenden Subjekt. Andererseits wird auf sehr beklemmende Art und Weise aufgezeigt, wie seelenlose Funktionäre frei von Empathie vom Schreibtisch aus über Leben und Tod entscheiden.

Die Inszenierung schafft es, sehr eindrücklich den stark symbolisch aufgeladenen, hochpolitischen Stoff, auf die Bühne zu bringen und – ausgehend von der innerdeutschen Grenze – die tödliche und menschenverachtende Dramatik an Grenzen im Allgemeinen zu thematisieren. Unwillkürlich hat der Zuschauer die Bilder der Flüchtlinge vor Augen, die an den europäischen Außengrenzen in Camps festgehalten werden und dort hoffnungslos Gewalt und schrecklichen Zuständen ausgesetzt sind.

Dadurch ist die Inszenierung nicht nur ein wichtiger Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, sondern ebenso eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit einer der brennendsten politischen Fragestellungen unserer Zeit.

Werbeanzeigen